Es dürfte keine Überraschung sein, dass die Großstadt Leipzig für organisierte Nazis ein interessantes Pflaster darstellt. Neben den seit 2001 mehrmals im Jahr stattgefundenen Demonstrationen des Neonazis Christian Worch lassen sich seit 2006 zunehmende Aktivitäten von organisierten Nazis beobachten. Sie greifen alternative Jugendzentren an, stören gewalttätig selbst bürgerliche Antinaziveranstaltungen, zerstören immer wieder Fenster der Linkspartei, veranstalten vermehrt spontane Demonstrationen und beteiligen sich an Fußballkrawallen bei den Spielen von Lok Leipzig oder den Großdemonstrationen der NPD und Freier Kräfte. Auch die NPD versucht mit revisionistischen Veranstaltungen im Haus Leipzig oder der Gaststätte Lokomotion im Leipziger Süden feste Strukturen in der Leipziger Neonaziszene aufzubauen. Anfang 2007 gründete sich der Leipziger Kreisverband der Republikaner. Die sächsischen Republikaner gehören zudem neben der DSU sowie ehemaligen NPD-Landtagsabgeordneten zu den Gründungsmitgliedern des so genannten „Bündnis für Sachsen“, das sich im Herbst 2007 in Leipzig als „konservatives Sammelbecken“ rechts der CDU konstituierte. Seit 2007 haben die so genannten Freien Kräfte Leipzig mit Unterstützung aus dem Umland zudem feste Strukturen in der Stadt aufbauen können. Sie sind mit Propaganda und Aktionen schwerpunktmäßig im Osten und Westen von Leipzig präsent und üben Gewalt insbesondere auf linke, alternative Menschen und MigrantInnen aus.
Läden und Treffpunkte stellen dabei eine wichtige Basis für die organisierte rechte Szene dar. Bereits im Jahr 2005 eröffnete in der Kolonnadenstraße in der Leipziger Innenstadt das „Untergrund“. Der Betreiber des Nazi-Labels „Front Records“, Thomas Persdorf, hat hier
ebenso wie im erst Anfang September in der Volbedingstraße in Mockau eröffneten „Aryan Brotherhood“, eine Mischung aus Laden, Fitnessstudio
und Treff, seine Hände im Spiel. Beide Läden sind inzwischen geschlossen. Entwarnung ist deswegen allerdings nicht angesagt.
Auch andere Läden, wie z.B. das „Miss Liberty“ oder „Mc-Trend“ in der Innenstadt sowie das „Boombastic“ im Grünauer Allee-Center führen Thor
Steinar und Co. im Sortiment. Der Trend, mit einem modernen Outfit verstärkt an unpolitische Jugendkulturen anzudocken, und den offenen Bezug auf den Nationalsozialismus ad acta zu legen, stellt einen Strategiewechsel der extremen Rechten dar. Ebenso wie die Eröffnung von Läden, die rechten Lifestyle gewinnbringend an Nazi-Mann/Frau bringen, in zentralen Innenstadtlagen.
Am 22.9.2007 eröffnete in der Richard-Wagner-Straße der Laden „Tønsberg“, im Gegensatz zu den erwähnten Geschäften eine richtige Filiale der Marke Thor Steinar. Thor Steinar wird von und für Neonazis produziert und ist momentan einer der wichtigsten Dresscodes der Neonaziszene. Das ursprüngliche Logo der Marke wurde juristisch verboten, weil es ein nationalsozialistisches Emblem darstellt. Es zeigte zwei Runen, die auch im Nationalsozialismus verwendet wurden und, schräg gestellt, das Emblem der „Waffen-SS“ erkennen lassen. Auch die Motive der aktuellen Kollektion nehmen Anleihen an im Nationalsozialismus beliebten Bildern und Begriffen. Das Geschäft ist eine neue Anlaufstelle für Neonazis in Leipzig und stellt eine Gefahr für Menschen, die nicht in ihr rassistisches, antisemitisches und politisches Weltbild passen, dar. Jede/r der/die Thor-Steinar-Klamotten kauft und anzieht, unterstützt damit direkt Neonazis in ihrem Bestreben, ihre Inhalte und Symbole in die Gesellschaft zu tragen.
„Ladenschluss“, das Aktionsbündnis gegen Nazis, ist ein breites Bündnis verschiedener Gruppen, Organisationen, Parteien und Einzelpersonen. Das Ziel des Bündnisses ist zunächst die Schließung des Thor-Steinar-Ladens „Tønsberg“. Darüber hinaus setzt es sich die Aufgabe, gegen weitere rechte Strukturen in Leipzig vorzugehen.