Gegen Nazi-Kultur – und Strukturen überall. Redebeitrag auf der antifaschistischen Demo in Borna, 16.2.2008

Wir, ein Bündnis verschiedenster antifaschistischer Gruppen und Einzelpersonen aus Leipzig haben uns zusammen gefunden, um etwas gegen die Existenz und den Ausbau von Naziläden und Läden von und für die rechtsradikale Szene in Leipzig zu unternehmen. Am 22. September eröffnete in der Richard Wagner Straße eine Filiale der Mediatex GmbH mit dem Namen „Tönsberg“.
In diesem, in bester Citylage gelegenen Geschäft wird ausschließlich Mode der Marke Thor Steinar verkauft. Die Gründung war zugleich auch Startsignal für eine vielfältige Protestkultur gegen den Verkauf und das Tragen von Thor Steinar und anderer bei Nazis beliebter Marken.
Wir beteiligen uns an der heutigen Demonstration als Zeichen der Solidarität mit den hier engagierten Menschen. Der ländliche Raum bietet selten ausreichend Schutz und Ausweichmöglichkeiten für Menschen die sich den Nazis entgegenstellen. Der Ausbau rechter Strukturen bleibt oft unentdeckt von Zivilgesellschaft und Öffentlichkeit. Für uns ist es daher besonders wichtig heute gegen Nazistrukturen in Borna und Umland zu demonstrieren.

Ein paar Worte zu Thor Steinar als prominentestem Beispiel für die Veränderungen im Erscheinungsbild von neuen Nazis und Versuch in die sog „Mitte der Gesellschaft“ vorzudringen.

Thor Steinar wird durch die Mediatex GmbH, namentlich Uwe Meusel und Axel Kopelke
vertrieben. Vor allem Kopelke lassen sich Verstrickungen in die Neonaziszene nachweisen, jedoch ist es nicht notwendig die Motivation hinter Thor Steinar einzig personell zu erklären. Ein Blick in die Kollektion reicht aus um hier fündig zu werden. Schriftzüge wie „Division“ und „Ultima Thule“ sowie das verwendete Tarnmuster, welches dem der Deutschen Wehrmacht ähnelt, lassen die Nähe zu nationalsozialistischer Ideologie und Organisationen deutlich werden. Mehrere Gerichte sahen zudem im alten Logo eine Straftat nach §86a. In Sachsen ist laut Urteil dieser Woche das Verbot aufgehoben. Doch schon 2004/05 ersetzten Meusel und Kopelke das alte Logo durch eine neue Variante. Mediatex betreibt Filialen mit Namen wie „Tönsberg“ und „Narvik“, dabei wird stets nach demselben Muster verfahren. Gesucht werden Läden in Innenstadtnähe, angeboten wird ausschließlich Thor Steinar, nach außen wirken die Geschäfte eher unscheinbar, geworben wird unterdessen mit Streetwear. Unterstützung erhalten die Betreiber dabei durch die Dummheit bzw. die Weigerung seitens der Eigentümer und Vermieter, wie z.B. der Firma Immovaria GmbH, sich genauere Informationen zu pot. Mietern einzuholen oder deren bloßes kommerzielles Interesse. Erst nach umfangreichen Protesten von Antifaschisten und Anwohnern gelang es derartige Geschäftsideen zu enttarnen. Die Beispiele Berlin und Magdeburg zeigen, dass dies, meist nach längeren Gerichtsverfahren, jedoch zur vorübergehenden Schließung führen kann.

Thor Steinar mit seinem modischen und oft unscheinbaren Design reiht sich ein, in eine veränderte Strategie der Naziszene. Neonazis versuchen gezielt Subkulturen wie Hardcore, Metal, HipHop und Punk zu unterwandern, ebenso tragen sie Kleidung dieser Richtungen. Wichtig erscheint hierbei nicht das Aussehen sondern das Vorhandensein einer national-sozialistischen Ideologie. Die Palette geht weiter bis hin zu übernommen Styles und Taktiken der linken Szene. Demonstrationen so genannter autonomer Nationalisten sehen denen antifaschistischer Veranstaltungen ähnlich, gleiches gilt für die getragene Kleidung. Der moderne Nazi blickt auf ein breites Angebot verschiedenster Kleidungsstils und Musikrichtungen. Die Tage des in Springerstiefeln und Bomberjacke umher stolzierenden Naziskins scheinen gezählt. Doch auch eher bürgerliche Milieus gilt es seitens der Nazis, z.B. der NPD zu erobern. Wahlerfolge wie zuletzt in Mecklenburg Vorpommern haben gezeigt, dass die Nazis durch ein konservatives, bürgerliches Auftreten Wähler gewinnen. Kader wie der verstorbene NPD Abgeordnete Uwe Leichsenring warben mit einem bürgerlichen Schein, unterdessen unterhielt dieser jedoch beste Kontakte zur gewaltbereiten rechten Szene.

In Leipzig gibt es neben dem Thor Steinar Laden „Tönsberg“ eine weitere Ansammlung dubioser Läden, welche teils gezielt mit dem Verkauf von Thor Steinar und anderen bei Nazis gern gesehenen Marken rechte Kundschaft ansprechen wollen. Meist geht es den Betreibern um einen guten Umsatz. Dass dabei jedoch zur Verbreitung rechter Symbolik und Inhalt beigetragen wird, bleibt unbeantwortet. Nazis benutzen solche Läden nicht nur zum Erwerb der neusten Thor Steinar Kollektion sondern vielfach sind sie auch Bestandteil einer rechten Infrastruktur. So sagt z.B. der Betreiber des „East Coast Corner“, einem Thor Steinar Laden in Rostock, dass man selbstverständlich auch politisch sei, beispielsweise würde man Flugblätter und Informationsmaterial im Laden auslegen. Des weiteren dienen Läden den Nazis als Treffpunkt und Ort für Freizeitaktivitäten und sind damit eine Gefährdung aller Menschen die nicht der national-sozialistischen, inhumanen Ideologie entsprechen.

Auch in Borna ist der Verkauf von bei Rechten beliebten Marken offensichtlich Gang und Gäbe. Das hier vertriebene Label DOBERMANN wird eindeutig der rechten Szene zugeordnet. Namensgeber ist unübersehbar die gleichn. deutsche Hunderasse, der eine scharfe Wachhundattitüde antrainiert wird. In rechten Milieus hat die Marke in den letzten Jahren an Popularität gewonnen.

Während in Großstädten wie Dresden, Berlin, Leipzig und zuletzt auch Rostock breite, zivilgesellschaftliche, antifaschistische Bündnisse gegen das Vorhandensein solcher Läden und Strukturen entstehen, bleibt dies im ländlichen Raum oft unbeantwortet. Im Stillen etablieren sich Orte und Läden von und für Nazis. Sie sind nicht selten ein beliebtes Ausflugsziel, z.B. für Konzerte und Veranstaltungen wie zu Letzt in Borna. Leider fehlt es hier meist auch an Engagement bürgerlicher, zivilgesellschaftlicher Kräfte. Im Leipziger Umland kann so eine breite Nazistruktur entstehen und gedeihen wie z.B. der Auf- und Ausbau des Labels „Front Records“ in Wurzen von Thomas Persdorf. Persdorf unterstützt zahlreiche Veranstaltungen wie das Fest der Völker in Jena und versucht obendrein Strukturen z.B. das „Aryan Brotherhood“ in Leipzig zu unterstützen.

Die Querverbindung in diesem Ort, in dem wir heute demonstrieren, zeigt sich am Beispiel des geschichtsrevisonistischen Vereins „Gedächtnisstätte“, zu dessen Veranstaltungen eben auch „autonome Nationalisten“ einfinden. Exemplarisch dafür steht die erst vor zwei Wochen stattgefundene Veranstaltung mit dem Krankenpfleger des verurteilten Kriegsverbrechers Rudolf Hess. Erst in dieser Woche haben lokale Nazis hier deutsche Täter zu Opfern gemacht. Die sich seriöse gebende „Gedächtnisstätte“ liefert de facto das intellektuelle Gerüst dafür.
Für uns als Ladenschluss Bündnis ist es sehr wichtig dass die Gefahr des Rechtsradikalismus weder an die Ränder der Gesellschaft gedrängt wird, noch dass diese Phänomene nur an bestimmten Orten zu finden sind. Vielmehr handelt es sich um ein gesamtgesellschaftliches Problem, latenter Rassismus und Antisemitismus sowie völkisches, nationales Denken sind nicht selten der Nährboden rechter Strukturen. Gerade die Beziehungen und Verstrickungen von NPD Kadern in den ländlichen Raum, welche dank einer kommunalen Verwurzelung eher als liebe Nachbarn statt als gefährliche Nazis angesehen werden, macht dies deutlich. Kommt es dann zu ausländerfeindlichen Übergriffen wie zuletzt in Mügeln spricht man lieber von „unseren Jungs“ und ist sich dem Vorhandensein von Rassismus, Antisemitismus und rechtsradikalen Strukturen nicht bewusst. Genau hierdurch, nämlich durch Wegsehen, Totschweigen und Verdrängen beziehen Nazis ihre Kraft sich gesellschaftlich zu etablieren.

Das Bündnis „Ladenschluss“ solidarisiert sich mit euerem Engagement gegen Nazis und für alternative Freiräume in Borna und Umgebung.

Review zur Demo bei indymedia


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